Melchnau Burgruine Grünenberg

Idealrekonstruktion der Burg Grünenberg, Vogelschau von Nordosten, um 1450


Der Melchnauer Schlossberg erhebt sich dicht hinter der
Kirche und umfasst mit den Überresten von Grünenberg
und Langenstein einen ausgedehnten Burgenkomplex auf
engstem Raum - Brennpunkt des mittelalterlichen Adels im
Oberaargau. Das Freiherrengeschlecht der Langensteiner
gründete mit Verwandten 1194 das Zisterzienserkloster
St. Urban LU. Wenig später starb die Familie aus. Ihre
Haupterben, die Grünenberger, prägten im Spätmittelalter
die Geschichte der ganzen Gegend. Über 80 Personen
aus dieser weit verzweigten Adelsfamilie sind uns heute
bekannt. Die Stammburgen verfielen nach dem Übergang
an Bern allmählich.

Grünenberg

Wie eine Doppelburg wirkt die Anlage von Grünenberg mit
ihren beiden mächtigen Palasgebäuden. 1949 wurden die
Grundmauern der Burgkapelle wiederentdeckt. Den heute
bedeutendsten Teil der Ruinen bildet der um 1275 verlegte
einzigartige Fussboden aus reliefierten Tonplatten, welche
von den Mönchen in St. Urban gefertigt wurden.
In den Jahren 1992 –1998 wurde die Ruine Grünenberg
durch den Archäologischen Dienst des Kantons Bern
und durch die Stiftung Burgruine Grünenberg saniert. Die
Arbeiten wurden von Bund und kantonalem Lotteriefonds
unterstützt. Die Ruine steht unter dem Schutz der Schweizerischen
Eidgenossenschaft und des Kantons Bern.

Südliche Ringmauer mit Schutzbau über Kapelle
1194 Gründung des Zisterzienserklosters St. Urban durch die Freiherren von Langenstein
 
13. Jh. Gute Beziehungen der Grünenberger zu Bern sowie zu den Grafen von Kyburg und Savoyen
 
nach 1270 die Herrschaft Binzen bei Lörrach (D) kommt durch Heirat an Grünenberg; ein Familienzweig lebt bis ins 15. Jh. dort
 
um 1275 Anlage des bedeutenden Fliesenbodens in der Burgkapelle
 
1308 Ermordung König Albrechts I. von Habsburg; fünf Grünenberger treten in der Folge davon für zehn Jahre in österreichische Dienste
 
14. Jh. Blütezeit: etliche Grünenberger kommen dank habsburgischer Unterstützung zu angesehenen Ämtern; sie erhalten Herrschaften im Berner Oberland, im Luzernischen, im Elsass und am Zürichsee
 
1375 Einfall der Gugler; Grünenberger führen den ersten Widerstand an
 
1383-84 "Burgdorfer Krieg": Berner und Solothurner Truppen behändigen Grünenberg, Bern gibt es gegen Vertrag zurück
 
1432 Verkauf der Herrschaft Aarwangen an Bern; Wegzug des letzten Grünenberger Ritters Wilhelm nach Rheinfelden
 
1444 Bern besetzt erneut Grünenberg, das von einem Vogt verwaltet wird
 
1480 Verkauf der Herrschaft Langenstein an Bern nach dem Tod Wilhelms (1452)
 
16. Jh. das Berner Amt Grünenberg wird mit Aarwangen zusammengelegt; Abbruch und beginnender Zerfall der Burgen auf dem Schlossberg
 
1949 Grabungen führen zur Wiederentdeckung der Schlosskapelle mit dem Plattenboden
 
1991 Übergang Grünenbergs an die Stiftung Burgruine Grünenberg
 
1992-98 etappenweise Dokumentation und Konservierung der Ruine Grünenberg

Sanierungsziel: dem Ort eine neue Gegenwart und Zukunft geben

Das zerbröselnde Mauerwerk wurde baugeschichtlich
untersucht, dokumentiert und nach neuestem Technologieverfahren
mit Kalkmörtel saniert. Eine Flächengrabung
blieb aus; Voraussetzung dazu bildete der
Verzicht auf Bodeneingriffe. Einzig der neue Schutzbau
steht auf dem mittelalterlichen Hofniveau und ermöglicht
so einer späteren Generation, den heute unter einem
guten Meter Schutt liegenden Burghof sowie den
nördlichen und südlichen Palas noch auszugraben.
Die Niveaudifferenz macht diesen Verzicht deutlich.
Der neue Schutzbau über dem Fussboden der Kapelle
ist eine Art übergrosse „Vitrine“ mit selbstregulierendem
Innenklima. Er umhüllt als „Null-Energiebau“ das Kulturgut
und erinnert formal an die mittelalterliche Kapelle,
die sich einst mit Pultdach an den höheren, mächtigen
Südpalas anlehnte. An der Stelle des mittelalterlichen
Burgzugangs führt eine in modernen Formen gehaltene
Stahlbrücke über den Burggraben in den Innenhof.
Ebenso konsequent heben sich die im Hof nötigen
Einrichtungen vom mittelalterlichen Mauerwerk ab.

Reliefplan des Burghügels mit den Anlagen Grünenberg und Langenstein

Ergebnisse der archäologischen Bauforschung

Holzburg des 11. Jahrhunderts

Reste von leicht eingetieften Grubenhäusern, Pfostengruben
sowie aus der Felsoberfläche geschrotete Balkenlager
stammen von einer Holzburg, die vielleicht
schon im 10./11. Jahrhundert bestand.

Burganlage des 12./13. Jahrhunderts

Ältester Teil der Steinburg des ausgehenden 12. Jahrhunderts
sind die Ringmauer sowie der Vorgänger des
Turmes (Bergfried 12) in der Nordwestecke.
Die Mauern sind aus einem Kieselkern mit einer Schale
aus grob zugerichteten Sandsteinquadern gebildet.
Als Steinbrüche dienten die Halsgräben (1, 2, 11).
Diagonal unter dem Burgturm zieht ein Felsspalt durch
den Molassefelsen. Er dürfte dafür verantwortlich sein,
dass es noch während dem Turmbau zu einem Neubau
kam, nun mit mächtiger Bossenquaderverkleidung.
Nicht viel später an die Ringmauer angebaut wurden
der sogenannte Südpalas (10) in der Südwestecke und
der Nordpalas (5) in der Nordostecke. Der Zugang in die
Burg erfolgte zunächst über die beiden Halsgräben von
der Südostseite her (7). In den Sandstein geschrotete
Balkenauflager belegen vor dem Zugang eine hölzerne
Rampe. Im Bauablauf nochmals etwas jünger ist die
sowohl an die Ringmauer wie an den Südpalas anstossende
Kapelle (9). Als Annex an diese entstand das
Sodbrunnenhaus (8) - aufgrund der Funde noch im
13. Jahrhundert.

Hochblüte Grünenbergs im 14. Jahrhundert

Der Nordpalas (5) wurde nach Nordwesten verlängert
und dominierte als Steinbau die gesamte Nordseite.

Verlegung des Burgzugangs

Vorläufig nicht genauer zeitlich eingrenzbar ist die Verlegung
des Zuganges an die Nordecke (4). Er erforderte
eine neue Zugbrücke (3), brachte aber eine zeitgemässe
wehrtechnische Ausrüstung; der Felsverlauf erlaubte nur
hier die Anlage eines Zwingers. Nachgewiesen ist der
axiale Schwingbalkengraben der Toranlage. Neben dem
vermauerten älteren Zugang wurde ein Ofenhaus mit
kreisrund überwölbtem Backofen (6) angelegt.

Letzte Erneuerungen im 15. Jahrhundert

Das Aufkommen besserer, aber auch grösserer Wagen
erforderte eine Weitung des Einfahrtswinkels und damit
einen Umbau des Zwingers (4).

Mauerbefunde Grünenberg.
1 äusserer, 2 innerer Burggraben, 3 jüngerer, heute wieder hergestellter
Burgzugang, 4 Zwinger, 5 Nordpalas, 6 Backofen, 7 ursprünglicher Burgzugang,
8 Sodbrunnen, 9 Burgkapelle, ehem. St. Georg, 10 Südpalas,
11 Halsgraben, ehem. Steinbruch, 12 Bergfried.

Konservierung: Bauleitung: Andreas Morgenthaler, Melchnau, Alexander
Ueltschi, ADB. - Mauersanierung: Jenzer AG, Melchnau; Witschi AG,
Langenthal. - Kapellenboden: Urs Zumbrunn, Restaurator HFG, Kirchberg.
Gestaltung: Architektur: Blum & Grossenbacher Architekten, Markus
Meier, Langenthal. - Grafik: P‘inc. AG, Visualisierung, Langenthal. -
Ingenieure: Duppenthaler+Wälchli, Langenthal (Schutzbau), H.R. Mathys,
Huttwil (Brücke). - Archäologische Grundlagen: Daniel Gutscher, Max
Stöckli, Eliane Schranz, ADB.
Literatur: Daniel Gutscher, Die Burganlage Grünenberg in Melchnau. In:
Mittelalter.Moyen Age.Medioevo.Temp medieval, Zeitschrift des Schweiz.
Burgenvereins, 1/1996/4. - Daniel Gutscher, Melchnau BE, Burgruine
Grünenberg, in: Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte
82 / 1999, S. 312 f. - Archäologischer Schutzbau in Melchnau,
in: Detail, Zeitschrift für Architektur + Baudetail, Serie 1995, 3. Einfaches
Bauen, München, S. 422-425. - Max Jufer, Die Freiherren von Langenstein-
Grünenberg, Oberaargauer Jahrbuch 1994, S. 109-214. - Lukas Wenger,
Der Schlossberg im Mittelalter, in: Melchnau auf dem Weg, Melchnau
2000, S. 144 -147.


Archäologischer Dienst des Kantons Bern.
© ADB 10. 2001 (626.15)

Flyer © ADB 10.2001

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